Wie die Bienenstöcke nach Dieburg kamen
Das BeeLab wurde auf Initiative von Prof. Dr. Stefan Schmunk, Dekan des Mediencampus, Elke Baumann, Dozentin für Sonderaufgaben, und dem Labortechniker Martin Streit nach Dieburg gebracht. Die Motivation war klar: mehr Grünflächen und Umweltbewusstsein an einen medienorientierten Campus bringen und so Studierenden sowie Mitarbeitenden eine weitere Möglichkeit bieten, sich konkret für Nachhaltigkeit zu engagieren. Nachdem die Planung abgeschlossen war, übernahm Martin Streit die technische Umsetzung und Wartung der neuen Anlage, während Marcus Zinn, der das BeeLab bereits in Darmstadt leitete, die Bienen mitbrachte und seitdem die Dieburger Bienenvölker betreut.
Bislang war das BeeLab ausschließlich auf dem Hauptcampus der Hochschule Darmstadt vertreten, wo Prof. Dr. Marcus Zinn – Professor für Informatik und Hobbyimker – erstmals mit Sensoren ausgestattete Bienenstöcke aufstellte und diese zu einer Ressource für Forschung und Lehre machte. Diese ursprünglichen Bienenstöcke stehen dort auch heute. Neu ist ein zweiter Standort: Der Mediencampus Dieburg verfügt nun über vier eigene Bienenstöcke, die als Erweiterung des Projekts betrieben werden.
Fünfzigtausend Bienen und ein maßgeschneidertes Mainboard
Bis Mai haben sich rund 50.000 junge Honigbienen in vier Bienenstöcken auf einer Rasenfläche in einem der Innenhöfe von Dieburg niedergelassen. Im selben Monat probierte das Team auch etwas Neues aus: eine erste Runde Gartenarbeit und das Pflanzen von Blumen rund um die Bienenstöcke, um zu testen, wie viel üppiger der Innenhof für die Bienen blühen könnte. Durch das Schlüpfen neuer Königinnen und ein Wachstum im Sommer hat sich die Koloniezahl seitdem auf rund 110.000 Bienen mehr als verdoppelt.
In den Bienenstöcken steckt eine kleine, maßgeschneiderte Hauptplatine, die mit einem Netzwerk aus Sensoren verbunden ist. Die meisten davon wurden direkt an der Universität entwickelt und gebaut. Gemeinsam erfassen sie rund um die Uhr wichtige Daten wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit, CO₂-Gehalt, Vibrationen im Inneren des Stocks und dessen Gewicht.
Eine Lichtschranke an der Einflugöffnung zählt zudem jede einzelne Biene, die den Stock verlässt oder in ihn zurückkehrt. Ein Kameramodul dokumentiert darüber hinaus die Entwicklung der Larven zu Forschungszwecken. Dabei wird die Kolonie nicht gestört. Das gesamte, auf dem Internet der Dinge (IoT) basierende System ist darauf ausgelegt, den Lebenszyklus des Bienenstocks und das Brutverhalten automatisch und kontinuierlich zu erfassen – ohne in das Leben der Bienen einzugreifen.
Die studentische Hilfskraft Fatemeh Yazdani entwirft und koordiniert die Projekte, die auf diesen Daten aufbauen, und arbeitet dabei eng mit den beteiligten studentischen Teams zusammen.
Erst die Analyse macht die Daten wirklich aussagekräftig. Zinn und seine Informatikstudierenden nutzen künstliche Intelligenz, um darin Muster zu erkennen, die einem menschlichen Beobachter möglicherweise entgehen würden. So lässt sich beispielsweise untersuchen, ob eine Kolonie unter Stress steht oder ruhig ist, ob die Bienen wie gewohnt auf Nahrungssuche gehen oder auf Veränderungen in ihrer Umgebung reagieren.
Inzwischen sind die gesammelten Daten zu einer wertvollen Ressource geworden, die weit über die Informatik hinaus neue Forschungsansätze eröffnet.
Sechs Fachbereiche, zwei Standorte
Etwa 70 Studierende aus sechs der zwölf Fachbereiche der Universität arbeiten derzeit mit den Bienenstöcken – verteilt auf beide Standorte des BeeLab.
Auf dem Hauptcampus in Darmstadt
Informatikstudierende sind für den technischen Kernaufbau von BeeLab verantwortlich – sie lesen Sensordaten über IoT-Boards aus und strukturieren diese zu einem System, das vom physischen Sensor bis zur Software-Schnittstelle reicht. Ein verwandtes Informatikprojekt wendet denselben Ansatz auf Wildbienen an: Ein einzelnes, mit Messgeräten ausgestattetes Brutrohr, das über eine eigene Lichtschranke, einen Vibrationssensor, einen Temperatursensor und ein Kameramodul verfügt, verfolgt auf dieselbe Weise den Lebenszyklus einer Wildbiene – als Reaktion auf den allgemeinen Rückgang der Wildbienenpopulationen. Studierende der Mathematik trainieren Computer-Vision-Modelle anhand des Kameramaterials aus dem Bienenstock und bringen ihnen bei, Bienen und Hornissen Bild für Bild voneinander zu unterscheiden und die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer Hornisse zu berechnen. Im Fach Architektur untersucht eine Gruppe die natürliche Belüftung der Bienenstöcke selbst. Studierende der Wirtschaftswissenschaften erstellen einen digitalen Zwilling des Bienenstocks – nach dem gleichen Prinzip, das die Industrie für eine Fabrikhalle oder eine Maschine nutzt – während Studierende der Gesellschaftswissenschaften untersuchen, wie Bienen kommunizieren, und erforschen, was uns eine „Bienen-Sprache“ aus Schwingungen und Bewegungen über Bedeutung und soziales Verhalten verraten kann – an der Schnittstelle zwischen Biosemiotik und Zoosemiotik.

Auf dem Mediencampus: Online-Kommunikation & Bienenmusik
Besonders anschaulich wird BeeLab auf dem Mediencampus Dieburg, wo die Forschung für die Öffentlichkeit erlebbar wird. In Zusammenarbeit mit der Lernagentur von Prof. Dr. Sebastian Pranz entwickelt ein Team derzeit zwei Chatbots, die zunächst auf den Temperaturdaten des Bienenstocks basieren. Künftig sollen weitere Sensordaten hinzukommen. Geplant sind eine spielerische Simulation, in der Nutzerinnen und Nutzer in die Rolle einer Biene schlüpfen, sowie ein Quiz-Bot, der sich an Schulen und ein breites Publikum richtet.
Ein weiteres Team arbeitet an einem Live-Dashboard, das die Bienenstockdaten in Echtzeit visualisiert. Dabei spielt auch die Gestaltung eine wichtige Rolle: Die Studierenden haben sich intensiv mit Designfragen auseinandergesetzt und dafür das Tool Figma eingesetzt.
Zwei weitere Teams stehen noch am Anfang ihrer Arbeit. Eines entwickelt Inhalte für den Instagram-Kanal von BeeLab, während das andere Unterrichtsmaterial speziell für Schulen erarbeitet. Damit entsteht zugleich die Grundlage für eine langfristige Zusammenarbeit mit Schulen: In Kooperation mit der Stiftung „Forum für Verantwortung“ ist von Ende 2026 bis 2028 eine formelle Schulpartnerschaft geplant.
Ein besonderes Projekt innerhalb von BeeLab ist „Bee Music“ – eine der bislang ungewöhnlichsten Initiativen, die zudem unabhängig von einer Lehrveranstaltung entstanden ist. Kurz nachdem die neuen Bienenvölker eingezogen waren, begann Parsa Zakizadeh, Student im Studiengang „Sound and Music Production“, mit der Entwicklung eines Live-Ambient-Musikstücks, dessen Klänge von den Bienen selbst stammen.
Gemeinsam mit Keanu Fresen und Fa’da Yazdani entwickelte er daraus eine experimentelle Klanginstallation. Mikrofone in einer Stereo-AB-Anordnung zeichneten die akustischen Signale der Kolonie auf. Ergänzend erfasste ein Geophon die Schwingungen im Bienenstock. Um die Bienen nicht zu stören, wurden die Signale an einen anderen Ort auf dem Campus übertragen. Dort flossen sie in ein eigens entwickeltes System ein, das die Klänge in Echtzeit verarbeitete, selbstständig neue Klangverläufe erzeugte und modulierte. Über ein quadrophonisches Soundsystem wurde daraus ein räumliches Klangerlebnis.
Die drei Beteiligten übernahmen unterschiedliche Aufgaben: Zakizadeh leitete das Projekt und verantwortete Sounddesign und Produktion. Fresen kümmerte sich um die technische Umsetzung und stellte den zuverlässigen Betrieb der Ausrüstung sicher. Yazdani koordinierte Zeitpläne und Dokumentation und übernahm die Kommunikation mit der Campusverwaltung und der Medienfakultät.
Bislang wurde „Bee Music“ zweimal präsentiert: zunächst als Live-Demonstration am Pressetag und anschließend als längerfristige Installation in einem der Außenbereiche des Campus.
Pressetag, 22. Juli
Der erste Pressetag von BeeLab begann mit einem Einblick in die Entstehungsgeschichte des Projekts. Zinn berichtete von den Anfängen mit der ursprünglichen Installation in Darmstadt und erläuterte, wie das Engagement von Baumann, Streit und Schmunk schließlich zur Einrichtung eines zweiten Standorts in Dieburg führte. Anschließend stellte er die Technologie direkt am Bienenstock vor. Im Anschluss konnten sich die Gäste im Innenhof selbst ein Bild machen und die Bienenstöcke aus nächster Nähe betrachten.
Am Nachmittag standen die Studierenden und ihre Projekte im Mittelpunkt. Das Team der Lernagentur präsentierte seine Arbeit an den Chatbots, während Informatikstudierende erläuterten, wie sich die aus den Bienenstöcken gewonnenen Daten nutzen und auswerten lassen. Den Abschluss bildete eine Live-Aufführung von „Bee Music“: Zakizadeh und Fresen verwandelten die Signale der Bienenkolonie in Echtzeit in Klänge und machten so auf besondere Weise hörbar, was sonst verborgen bleibt.
Wie geht es weiter?
Die nächste Phase von BeeLab ist bereits in Planung. Vorgesehen ist eine digitale Lehr- und Forschungsplattform, über die sich die Daten der Bienenvölker künftig online und aus der Ferne verfolgen lassen. Dazu soll perspektivisch auch gehören, sichtbar zu machen, wie die Bienen auf extreme Hitze oder Kälte reagieren.
Im Oktober soll außerdem ein zweijähriges Projekt starten, das künstliche Intelligenz und Bienendaten für den Schulunterricht zusammenbringt. Parallel dazu entstehen neue Forschungsansätze rund um Hummeln und andere wildlebende Bienenarten. Auch praktische Projekte sind geplant: Bei einem Kerzenworkshop lernen Studierende, wie sich das Wachs aus den Bienenstöcken möglichst effizient und ohne Verschwendung weiterverarbeiten lässt. Und voraussichtlich im März geht „Flower Power“ in eine neue Runde – mit Gartenarbeit und dem Pflanzen von Blumen zum Auftakt der nächsten Gartensaison.
So unterschiedlich die Projekte auch sind, sie alle haben einen gemeinsamen Ausgangspunkt: die vier Bienenstöcke. Genau darin liegt die Stärke von BeeLab. Das Projekt schafft Raum für ganz unterschiedliche Interessen und Fachrichtungen und bringt Menschen zusammen, die sich im universitären Alltag vielleicht nie begegnet wären. Jede und jeder kann einen eigenen Zugang finden, Ideen einbringen und gemeinsam mit anderen etwas Neues entwickeln.
BeeLab lebt von dieser Offenheit und freut sich über neue Ideen und Projekte. Wer eine eigene Vorstellung davon hat, was sich rund um die Bienenstöcke erforschen, gestalten oder ausprobieren lässt, ist herzlich eingeladen, sie einzubringen.
List of Projects
Winter Semester 2025/2026
- Beelab MPSE Prof. Dr. Zinn (Informatik Master, FB I) https://lernen.h-da.de/enrol/index.php?id=24868
- Wildbiene https://code.fbi.h-da.de/beelab/wildbiene
- Datenscrapper https://code.fbi.h-da.de/beelab/datenscrapper
- Honigbiene https://code.fbi.h-da.de/beelab/honigbiene
- Vision https://code.fbi.h-da.de/beelab/vision
- Backend https://code.fbi.h-da.de/beelab/backend
- Digital Twin of a bee hive (FB W)
Summer Semester 2026
- Lernagentur Prof. Dr. Pranz (Onlinekommunikation, FB MD)
- 26SS BPSE Beelab, Prof. Dr. Zinn (Informatik Bachelor, FB I) https://lernen.h-da.de/course/view.php?id=25654









