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„Dieses Gefühl von 'Wir sind ein Team' – das ist schon sehr wichtig im Digitaljournalismus“

Marcel Cichon arbeitet als Leiter der Online-Redaktion bei der größten Tageszeitung am Untermain – dem „Main-Echo“. Er hat auch Onlinejournalismus in Dieburg studiert. Wir haben mit ihm über Lehren aus dem Studium, den Beruf des Digitaljournalisten und seinen eigenen Werdegang gesprochen. Und herausgefunden, warum es gut sein kann, auch mal „auf die Fresse“ zu fliegen.

Warum hast du dich damals dazu entschieden, Onlinejournalismus zu studieren?

Ich hatte viele Ideen, in welche Richtung es gehen soll. Mir wurde immer empfohlen, ich soll einen Quereinstieg von einem Studiengang aus machen, wo ich fachlich ausgebildet werde – Psychologie, Biologie, Geschichte – etwas, das man in der Tiefe studiert. Ich wollte das nicht, weil ich mich für den Journalismus an sich so begeistert habe und zu dem Zeitpunkt schon in der freien Mitarbeit war. Ich habe Texte für eine Sportredaktion geschrieben und dachte, ich will eigentlich viel mehr wissen, wie Journalismus funktioniert und da Einblicke erhalten. Dann habe ich einfach auf mein Bauchgefühl gehört und gesagt „Ich mach’ das jetzt!“.

Hat sich die Sorge der Leute bewahrheitet – Hattest du Schwierigkeiten, in den Arbeitsmarkt zu finden?

Nein. Da kommen wir zu einem der Vorteile, die der Onlinejournalismus-Studiengang bietet. Wir hatten damals schon viele Textwerkstätten und andere Module, bei denen man gemerkt hat: Die Dozenten und Dozentinnen kommen aus der Praxis. Sie haben uns immer schon Türen geöffnet für Studi-Jobs. Ich war zum Beispiel ein Jahr bei der FAZ. Das habe ich durch die Hochschule bekommen. Wir hatten in der Textwerkstatt eine tolle Dozentin, die uns viel für das Berufsleben mitgegeben hat, die auch gesagt hat: „Bei uns sind Stellen frei. Wenn ihr euch als Werkstudierende bewerben wollt, macht es.“. So bin ich dann dort gelandet. Am Mediencampus Dieburg bekommt man sehr schnell einen Praxisbezug. Das ist ein riesiger Vorteil des Studiengangs.

Also würdest du auch gar nicht sagen, dass es ein Nachteil ist, wenn man generell Journalismus studieren möchte, anstatt sich so in die Tiefe zu begeben?

Vor 10 Jahren hat man das bei mir schon gesagt, man sagt es jungen Studierenden jetzt immer noch. Ich habe das nie als Nachteil erlebt. Natürlich ist es schön, wenn ich sagen kann, dass ich Psychologie studiert habe und in dem Fachbereich richtig gute Beiträge liefern kann. Das ist ein toller Skill, den ich jetzt nicht habe. Dafür lernt man über unseren Studiengang, wie man sich im Journalismus digital spezialisiert. 

Wie begegnet dir das im Berufsleben?

Ich bin irgendwann an den Punkt gekommen, an dem ich als eine Art Entwicklungsredakteur Plattformen entwickeln sollte, und mit Programmierern zusammen Tools entwickelt habe. Das war mir im Studium damals gar nicht so klar, ich wusste ja nicht in welche Richtung es geht. Über die Jahre hinweg im Berufsleben habe ich gemerkt, dass man mit dem Studiengang richtig viel anfangen kann, weil ich sehr viele Grundlagen mitbekommen habe. Wir haben ja zum Beispiel auch mal gelernt, wie HTML-Skripte funktionieren. Das war teilweise sehr technisch. Ich habe mir damals gedacht: Wozu brauche ich das? Ein paar Jahre später habe ich es dann gemerkt, als ich in einer Entwickler-Runde saß und den Programmierern dort über die Schultern schauen konnte – ich wusste zumindest so ein bisschen, in welcher Welt sie sich bewegen. Das ist richtig cool, wenn man dann als Team Projekte zusammen machen kann.

Das heißt, du hattest auch schon konkrete Momente, in denen du gemerkt hast, dass das Studium dich weitergebracht hat?

Genau. Es ist ja so, dass man sich als Journalist in fachlichen Bereichen immer noch einlesen kann, wenn man etwas Bestimmtes braucht. Natürlich werde ich nie auf dem Level von Menschen sein, die das studiert haben, aber Themen recherchieren ist ja eigentlich journalistisches Handwerk. Das müssen wir sowieso immer machen. Der Studiengang hat mir auf einer anderen Seite viel gebracht: Einmal durch die Berufspraxis, in der man viele Kontakte knüpfen konnte, und an zweiter Stelle durch die Module, die es gab. Man wird in der Breite sehr gut ausgebildet und muss für sich entscheiden, wo man sich spezialisieren will. Bei mir war das dann: Ich will all das, was in der Redaktion ist oder was es noch nicht gibt, weiterentwickeln, um strategisch zu schauen, wie ein Team in Zukunft mehr Reichweite holen kann. So haben wir bei meinem Berufseinstieg schon gedacht, als erstmal nur Facebook Thema war. Dann kam Instagram, jetzt Tiktok und Podcasts. Wir versuchen immer zu schauen, wie wir besser an mehr Zielgruppen kommen. Umso früher man da anfängt, desto besser.

Hat dir der Studiengang geholfen, das besser zu verstehen?

Das Verständnis für Algorithmen und die ganzen damit zusammenhängenden Mechanismen kommt mit der Berufserfahrung. In Dieburg werden die Grundsteine dafür gelegt. Man hat dann selbst den Ball in der Hand und kann entscheiden, was man damit macht und was man vertiefen möchte. Es gibt ja unendlich viele Spezialisierungen. Mit der Grundlage, die man in Dieburg bekommt, kann man selbst entscheiden – will ich vielleicht im Datenjournalismus große Sprünge machen, will ich als Social Media Manager tätig sein, will ich vielleicht SEO-Experte werden? Da bietet der Journalismus super viele Facetten. In Dieburg lernt man nicht alle, aber einen Großteil dieser Facetten kennen.

Hattest du in der Main-Echo-Redaktion dann ein besseres Standing dadurch, dass du Onlinejournalismus studiert hast?

Es gab schon vor mir hier im Haus Absolventen und Absolventinnen des Studiengangs. Ich war nicht der erste, der mit einem Onlinejournalismus-Schwerpunkt ins Haus kam, aber im Volontariat hatte ich wegen meines Studiums einen Online-Schwerpunkt. Das heißt, sie haben natürlich genutzt, dass ich diesen Bereich drei Jahre lang richtig intensiv kennengelernt habe. Dadurch durfte ich dann knapp über ein halbes Jahr die Online-Station miterleben und konnte mich schon im Volontariat in Bereiche vertiefen, die man sonst in der Standardausbildung noch nicht sieht.

Was sind konkrete Skills, von denen du sagst, du hast die wegen genau dieses Studiums?

Ich würde sagen, vor allem in der Breite so aufgestellt zu sein, dass man bei fast allen Themen erstmal mitreden kann. Das heißt noch lange nicht, dass man Experte ist. Man muss sich hinterher natürlich schon entscheiden, auf was man sich spezialisiert. Ich würde sagen, bei mir ist das auf jeden Fall das Social Media Management. Der Studiengang hat mir neben Social Media Kompetenz auch technische Kompetenz mitvermittelt. Wir haben in Sachen Videoproduktion und Videoschnitt sehr viel gelernt. Wir haben geschaut, wie man eine Website baut und codiert – klar, auf Anfängerlevel, aber das waren schon mal erste Berührungspunkte, sodass man später mit den Begriffen etwas anfangen konnte und nicht bei Null stand. Die Textwerkstätten haben uns die Basics vermittelt – von „Wie schreibe ich eine Nachricht?“ über „Wie schreibe ich das erste Feature?“ bis hin zu „Wie falle ich vielleicht mal bei einer Recherche auf die Fresse?“

Es gab also auch Misserfolge?

Da gab es auch harte Erfahrungen, ja. Ich erinnere mich noch an einige Dozierende, bei denen ich wusste, dass der Lerneffekt riesig ist. Aber das ist auch gut so, weil die Lernkurve deutlich besser ist, wenn ein Beitrag auch mal komplett zerrissen wird und es dann heißt „Komm, fangen wir bei null an, weil das war nichts“. Da haben die Textwerkstätten uns richtig geholfen.

Wenn ihr jetzt Praktikantinnen oder auch Volos aus dem Studiengang bekommt, merkst du, dass die Onlinejournalismus studiert haben? Haben die Skills, die andere nicht haben?

Ja. Das ist auf jeden Fall so, weil sie sich beruflich für die Richtung entschieden haben. Das heißt, das Interesse ist ein anderes. Es ist ein Unterschied, wenn jemand aus dem Politikstudium zu uns kommt, weil der den Werkzeugkasten eines Journalisten oder einer Journalistin nicht direkt kennt. Mit OJ-Studierenden kann man bei vielen Themen schneller einsteigen. Die können mit vielen Begriffen, wenn es zum Beispiel um Zahlenerfassung geht, mehr anfangen – ich muss dann nicht erzählen, was der Unterschied zwischen Visits und Page Impressions ist. Das haben die im ersten Semester gelernt. Es geht dann schon schneller in der Einarbeitung.

Also sind OJ-ler bei euch gern gesehen?

Wir profitieren auf jeden Fall davon, dass Leute aus dem Studiengang regelmäßig bei uns hospitieren, weil die dann perspektivisch auch in der freien Mitarbeit bei uns am Desk arbeiten können. Das Tolle daran ist, dass man so immer eine Mischung aus Leuten hat, die neu dabei sind, die auch frischen Wind reinbringen, und die einen ganz anderen Blickwinkel auf Themen haben, vor allem auch auf junge Zielgruppen. Das ist ein schönes Zusammenspiel von den Leuten, die im Haus fest arbeiten und von denen, die als Freelancer für uns tätig sind.

Haben sich die Skills, die man im Onlinejournalismus und auch in einer Online-Redaktion braucht, in den letzten 10 bis 15 Jahren geändert?

Definitiv. Im Studium hatte ich das noch nicht so auf dem Schirm, aber der Job eines Online-Journalisten oder einer Online-Journalistin ist sehr schnelllebig. Jedes Jahr ist anders – ein neues Tool, das mitentwickelt wird, eine neue Plattform, TikTok, X – ob man da jetzt noch unterwegs ist oder nicht - immer muss man neu entscheiden. Ist das für die junge Zielgruppe, erreichen wir die Richtigen? Wir reflektieren unsere eigene Arbeit und Plattformen permanent und müssen ständig schauen, mit welchen KI-Tools wir zum Beispiel arbeiten. Damals im Studium war KI noch kein Thema. Jetzt müssen wir uns jeden Tag damit auseinandersetzen: Wann darf ich sie nutzen, wann kann ich sie nutzen, wann will ich sie überhaupt nutzen, wo macht sie Fehler? Es gibt jedes Jahr neue Herausforderungen – Programme entwickeln sich rasant weiter, der technische Fortschritt und auch die technische Komplexität sind jetzt viel größer.

Braucht man in der Online-Redaktion andere Persönlichkeitsstärken als in anderen Journalismus-Sparten?

Die Frage ist tricky. Ich würde das nicht kanalabhängig formulieren. Jede Funktionsrolle braucht natürlich eigene Stärken oder eigene Werkzeuge. In einer Online-Redaktion versucht man viel voranzubringen, da ist der Typ Teamplayer wichtig. Alles, was wir in der Breite bespielen – also Reels, animierte Slider, interaktive Slider, Visualisierungen, interaktive Grafiken und Videos –, geht eigentlich nur, wenn ich ein Team habe, in dem sich einzelne Leute in den jeweiligen Bereichen noch einmal spezialisieren.

Wo hilft das am meisten?

Wenn man zu einem Thema möglichst viel ausspielen und viele verschiedene Formate präsentieren will, in denen eine Geschichte erzählt wird, dann lebt das Ganze von der Teamstärke. Ich nehme ein Thema, ich setze fünf verschiedene Menschen dran, die alle eine andere Ausbildung und einen anderen Hintergrund haben. So kriegt man die verschiedenen Blickwinkel und das beste Ergebnis. Dann kommt was richtig Gutes dabei raus. Dieses Gefühl von „Wir sind ein Team“ – das ist schon sehr wichtig im Digitaljournalismus.

Hast du noch etwas, das du jungen Studierenden mitgeben möchtest?

Viel ausprobieren, die Zeit nutzen. Gerade, wenn es mal nicht so stressig ist, etwa in den Semesterferien – dann einfach mal versuchen, sich neben der Theorie auch einen praktischen Skill anzueignen, den man vorher nicht hatte. Und möglichst viele Firmen kennenlernen, Menschen kennenlernen, weil davon lebt der Journalismus – vom Netzwerke-Knüpfen.

Interview: Leonie Hnizdo