Auf dem Luisenplatz in Darmstadt sollte man keine Werbung für Darmspiegelungen machen - oder für den „Darmspiegel“. Das könnte die Passant:innen verwirren und unverhofft an Besuche beim Doktor erinnern. „Ich weiß noch, als wir einmal Werbung auf dem Luisenplatz gemacht haben, da kam eine alte Frau vorbei. Die fragte ganz entrüstet: ‚Wissen Sie eigentlich, wie weh das tut, so eine Darmspiegelung?!‘“, erinnert sich Tobias Reitz im Interview mit einem Lachen zurück.
Wieso überhaupt für eine Darmspiegelung Werbung machen? Genau genommen machten Tobias und seine Kolleg:innen Werbung für den Darmspiegel – ihr Studimagazin. Eine Gruppe von Onlinejournalismus-Studierenden von der h_da rund um Tobias gründeten als Zweitsemester das Magazin, das vorerst als PDF auf deren Webseite erschien. Später entstanden auch gedruckte Ausgaben, bevor ein über 200-seitiges Buch und eine riesige Party in der Centralstation das ambitionierte Studi-Projekt beendeten. Aber der Reihe nach.
“Darmspiegel” wollte Vakuum in Darmstadt füllen
Rund um das Jahr 2008 habe es in Darmstadt ein Vakuum für ein junges Stadtkulturmagazin gegeben, so Tobias. Quasi parallel gründeten sich der „Darmspiegel“ und das heute noch bestehende „P Magazin“, um diese Lücke zu füllen. Während das „P“ vor allem von echten Heiner:innen gemacht wurde, war der Blick des „Darmspiegel“ eher einer von Zugezogenen, die die Stadt durch die Linse des Magazins von außen entdecken wollten.
Die OJ’ler:innen schnappten sich noch ein paar Studis vom Fachbereich Gestaltung, die sich um Design und Layout kümmerten, und gründeten mit 13 Personen eine GbR – den Darmspiegel Verlag. Rund um das Kernteam kamen wechselnde Redaktionsmitglieder aus anderen Studiengängen und OJ-Jahrgängen hinzu. Das junge Team wuchs immer weiter an. „Zwischendurch waren 50 Leute in der Redaktion. Das war richtig groß. Wir haben so Kontakt zum Fachbereich Fotografie und zu Illustratorinnen gekriegt. Das war echt ein cooles Ding zum Vernetzen“, erzählt Tobias.
Um diese ganzen Menschen zu koordinieren, gab es innerhalb der Redaktion verschiedene Bereiche, wie Chefredaktion, Layout, die Ressorts Musik, Kultur und Foto, sowie Anzeigenakquise und Finanzen. Der „Darmspiegel“ war gratis und finanzierte sich hauptsächlich über Anzeigen. Das große Geld war damit jedoch nicht zu machen, wie Tobias klarmacht: „Wir haben mit dem Verlag null verdient, aber wir mussten auch nichts draufzahlen.“ Erhältlich war er an verschiedenen Auslagestellen in der Stadt, in den Briefkästen der Studi-Wohnheime und natürlich an den verschiedenen Campussen und Uni-Mensen.
Inhaltlich drehte sich das Magazin um typische Studi-Themen wie Zukunftsaussichten oder das Essen in der Mensa, aber auch Lokales aus Darmstadt oder Kulturelles fanden ihren Platz im rund 40-seitigen Monatsmagazin. Highlights waren Interviews mit der Band Tocotronic oder dem Schriftsteller Wladimir Kaminer. Eigentlich sollte auch eines mit Charlotte Roche dazugehören. Die Schauspielerin und Autorin antwortete jedoch nie auf die Anfragen aus Darmstadt, erzählt Tobias: „Wir sind bis heute sauer auf sie, weil sie nie auf unsere Anfragen reagiert hat. Wer, wenn nicht Charlotte Roche, die Feuchtgebiete und sowas schreibt, sollte ein Interview mit dem Darmspiegel machen.“
Die h_da war nicht von Anfang an Fan des Projekts
Das Magazin kam – primär wegen des ungewöhnlichen Namens – nicht bei allen Darmstädter:innen gut an. Auch an der Hochschule wurde das Projekt erstmal argwöhnisch beobachtet, erinnert Tobias sich. Einerseits, weil die angehenden ONLINE-journalist:innen ein Printmagazin machten. Andererseits, weil der Fokus bei vielen nicht mehr auf der Hochschule lag: „Viel mehr von unserer Zeit ist in den Darmspiegel geflossen. Für viele kam erst der Darmspiegel und dann das Studium.“ Erst nach und nach seien aus den Skeptiker:innen Fans geworden, weil man gemerkt habe, welche Power und Strahlkraft das Projekt in Darmstadt hatte.
Die Redaktion kaperte immer mehr Lehrveranstaltungen, um sie für die Entwicklung des Magazins zu nutzen. So erstellten sie im Wirtschaftsseminar einen Businessplan für den „Darmspiegel“ oder brachten vor dem vierten Semester eine Dozentin dazu, ihr Buch-Projekt im Rahmen eines Hochschul-Kurses realisieren zu dürfen: „Wir wollten im nächsten Semester ein Buch rausbringen und es gab zwei Möglichkeiten: Entweder die Hochschule würde es als Semesterprojekt anbieten und wir würden sehr engagiert sein. Oder sie würden was anderes anbieten und wir würden dann unmotiviert darin rumdümpeln.“ Wie das ausging? Im Juli 2009 erschien – in Kooperation mit der h_da – nach einem Semester Arbeit „nachts in Darmstadt“.
Das Buch “nachts in Darmstadt” war der Anfang vom Ende
Auf knapp 220 Seiten erzählt das Buch mit vielen Fotos, Illustrationen und Poesie was nach Einbruch der Dunkelheit in der Heinerstadt abgeht: Wo illegal auf Techno gefeiert wird, wer die Gartenguerilla ist oder was zwischen 20 und 6 Uhr in der Kult-Pilsstube „Herkules“ passiert. Letztlich stellte es das größte Projekt des Darmspiegel-Verlags dar, läutete aber auch sein Ende ein. Nach weniger als anderthalb Jahren, neun Magazin-Ausgaben und einem Buch war also wieder Schluss mit dem „Darmspiegel“.
Laut Tobias war von Anfang an klar, dass das Erscheinen des Buches das Ende des gemeinsamen Publizierens darstellen würde. Die Vorstellungen und beruflichen Perspektiven seien unterschiedlich gewesen, begünstigt durch die damals noch gegebene Möglichkeit, sich innerhalb des Studiums zwischen einem PR- oder Journalismus-Schwerpunkt entscheiden zu können. „Man ist dann doch schneller fertig mit dem Studieren, als man denkt. Sowas aufbauen ist easy, es dann aber an die nächste Generation zu übergeben, ist sauschwierig“, sagt Tobias.
Zuvor sollte der „Darmspiegel“ also nochmal in Überlänge erscheinen - als Bookazine. Ein Format, das damals „der heiße Scheiß“ war. Quasi ein Magazin in Buchformat mit verschiedenen längeren und kürzeren Artikeln zu einem gemeinsamen Oberthema. Inhaltlich mitgearbeitet haben verschiedene Studis und Professoren aus verschiedenen Studiengängen und sogar Personen von der TU Darmstadt. „Das war wirklich ein Projekt von Darmstädter Studierenden, was durch diesen OJ-Kern koordiniert wurde“, erklärt Tobias. Besonders herausfordernd sei gewesen, die Deadlines einzuhalten, die ehrenamtlichen Mitarbeiter zu koordinieren und das nächtelange Layouten. Das seien teilweise richtige „Amokaktionen“ gewesen.
Mit nachhaltigen Parties ins Fernsehprogramm
Am Ende erschien „Nachts in Darmstadt“ mit einer Auflage von 1.500 Stück. Erst verschiedene Sponsoren, Marketing-Aktionen wie eine Release-Party im „Schlosskeller“ oder Anzeigen im Buch machten das Projekt finanziell möglich, sodass man ohne Verluste blieb. Ein Erfolg für den jungen Verlag. Wie so oft zahlte sich die „Einfach-mal-machen-ohne-viel-Nachdenken“-Attitüde aus.
Nach Erscheinen des Buches setzte das Team des Verlags – durch die Erfahrungen der Release Party im „Schlosskeller“ beflügelt - nur noch ein Projekt um: die Organic Disco in der Centralstation. Die „Luminale“, das Festival der Lichtkultur aus Frankfurt, fragte den Verlag an. Dieser organisierte eine möglichst klimaneutrale Party. Durch verschiedene Sponsoren sei das Budget recht hoch gewesen, erinnert sich Tobias. Unter anderem organisierten sie einen stromerzeugenden Tanzboden aus Rotterdam für rund 30.000 Euro sowie die international bekannten Techno-DJs „Roman Flügel“ und „Heiko M/S/O“. Das Medienecho sei enorm gewesen, auch weil das Thema Nachhaltigkeit damals noch recht neu war: „Wir hatten plötzlich zig Fernsehsender und Radios wie Galileo und CNN da. Man hatte das Gefühl, da waren mehr Journalisten als Partygäste.“
Durch OJ und “Spielwiese Darmspiegel” eigene Wege finden
Ohne das alles – Verlag, Magazin, Buch, Party – wäre für das „Darmspiegel“-Team wohl alles nicht so gekommen, wie es gekommen ist. Das sieht auch Tobias so: „Durch das Studium haben wir Impulse und Wissen bekommen und konnten Sachen ausprobieren, die wir dann auf dieser Spielwiese Darmspiegel verwirklichen konnten. Wir konnten in einem geschützten Raum unsere eigenen Wege finden.“ Man profitiere bis heute von vielen Fähigkeiten, die man in der Zeit des Studiums und durch das Magazin erlernt habe: Team- und Veranstaltungsorganisation, kreatives Schreiben oder Arbeiten unter Zeitdruck.
Letztlich waren auch die Menschen wichtig, die Tobias damals traf. Mit einigen gründete er noch während seines Studiums die Agentur „quäntchen + glück“, die sich heute auf Facilitation, also das Fördern von Gruppenprozessen, spezialisiert hat. Andere aus dem damaligen Team sind heute noch im Magazinjournalismus tätig, sind Chefredakteurin oder waren Auslandskorrespondentin bei der ARD. Wer hätte diese Entwicklung damals erahnen können, als sie auf dem Luisenplatz Werbung für Darmspiegelungen, hoppala, den „Darmspiegel“ machten?
Text: Simeon Mai