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Zwei Schwestern, ein Studiengang

Tyra: Hast du eigentlich damit gerechnet, dass ich irgendwann denselben Studiengang wähle wie du?

Alisha: Ehrlich gesagt nicht. Ich musste erst mal schmunzeln. Als große Schwester war ich dir früher ja öfter eine Art Vorbild, und plötzlich studierst du tatsächlich genau dasselbe wie ich. Gleichzeitig war ich aber auch neugierig, wie es dir gefallen würde und ob du ähnliche Erfahrungen machst wie ich damals.

Tyra: Ein paar Parallelen gibt es auf jeden Fall. Ein klassisches Studentenleben hatte ich aber trotzdem nie wirklich.

Alisha: Das glaube ich dir sofort.

Tyra: Einer der Gründe, warum wir überhaupt heute zusammensitzen, ist ja das 25-jährige Jubiläum. Ich organisiere die Feier gerade im Rahmen eines Wahlpflichtfachs mit und habe dich natürlich gefragt, ob du als Alumna dabei sein möchtest. Was war dein erster Gedanke, als ich dir davon erzählt habe?

Alisha: Sofort: Wenn ich Zeit habe, komme ich gerne. Mein eigener Abschluss 2021 wurde ja nie wirklich gefeiert – ich habe meine Bachelorurkunde damals einfach per Post zugeschickt bekommen. Das war’s. Ich glaube, es gab mal nachträglich noch eine kleine Feier, aber die war leider zu spontan angesetzt, weshalb ich dort keine Zeit hatte. Erst als du von der Jubiläumsfeier erzählt hast, habe ich zurückgerechnet. Eigentlich hätte es rund um das 20-jährige Bestehen schon einmal eine größere Feier geben können. Wahrscheinlich fiel das genau in die Corona-Zeit und wurde deshalb nie umgesetzt. Umso schöner finde ich es, dass jetzt 25 Jahre gefeiert werden.

Tyra: Das würde erklären, warum sich jetzt so viele Alumni angemeldet haben. Beim Blick auf die Teilnehmerliste merkt man erst, wie viele Absolventinnen und Absolventen inzwischen ganz unterschiedliche Wege eingeschlagen haben.

Alisha: Genau das macht den Studiengang ja eigentlich aus.

„Chaotisch, Eigeninitiative und Dorf”

Tyra: Wenn du den Studiengang in drei Worten beschreiben müsstest – welche wären das?

Alisha: Chaotisch. Eigeninitiative. Und Dorf.

Tyra: Das klingt erst mal ziemlich hart.

Alisha: Chaotisch meine ich nicht unbedingt negativ, eher im Sinne von: Man musste sich vieles selbst zusammensuchen und ständig nachfragen. Deshalb passt für mich auch Eigeninitiative – wer darauf wartet, dass ihm alles vorgegeben wird, wird in dem Studiengang nicht besonders glücklich.

Tyra: Das hat sich bis heute kaum geändert. Man organisiert wirklich vieles selbst, und manchmal weiß gefühlt niemand so richtig Bescheid.

Alisha: Aber eigentlich ist das auch eine gute Vorbereitung auf den Journalismus. Später wartet schließlich auch niemand darauf, dir die nächste Geschichte auf den Schreibtisch zu legen.

Tyra: Und „Dorf”?

Alisha: Dieburg eben. Keine klassische Studentenstadt mit Kneipenmeile und Nachtleben, sondern wirklich ein kleiner Ort. Ich fand das persönlich aber nie schlimm. Wir sind in einer eher überschaubaren Vorstadt aufgewachsen, deshalb war Dieburg für mich gar keine so große Umstellung. Wenn wir dann doch mal Seminare in Darmstadt hatten, war das fast schon aufregend.

Tyra: Mir ging es ähnlich, nur andersherum. Ich war bei meinen ersten Veranstaltungen in Darmstadt total überfordert. Ich hatte zwar einen Lageplan, aber der hat mir überhaupt nicht geholfen. Ich dachte immer, die anderen wüssten sicher, wo sie hinmüssen – bis ich gemerkt habe, dass die meisten nur ihr eigenes Gebäude kennen.

Alisha: Das kenne ich. Ich dachte am Anfang auch, alle anderen hätten den Campus längst durchschaut.

Zwei unterschiedliche Wege nach Dieburg

Tyra: Du wusstest ja schon ziemlich früh, dass du etwas mit Medien machen willst.

Alisha: Ja, das fing schon als Kind an. Ich habe „Zeitung“ gespielt, Artikel ausgeschnitten, neu zusammengeklebt und kopiert, damit es aussah wie eine frisch gedruckte Zeitung. Nach dem Abi habe ich mich dann deutschlandweit für Medienstudiengänge beworben und wurde erst mal fast überall abgelehnt. Für einen anderen Studiengang in Halle hatte ich sogar schon eine Zusage. Kurz bevor ich dort ein Zimmer im Wohnheim genommen hätte, kam die Nachricht, dass ich in Darmstadt nachgerückt bin. Im Nachhinein war das wahrscheinlich die beste Entscheidung, weil ich dadurch zu Hause wohnen bleiben konnte.

Tyra: Mein Weg war deutlich chaotischer. Ich wusste nach dem Abi überhaupt nicht, was ich machen wollte. Medien haben mich interessiert, genauso wie die Luftfahrt. Deshalb hatte ich mich neben Onlinejournalismus auch für Onlinekommunikation und sogar für ein duales Studium als Luftverkehrskauffrau beworben.

Alisha: Und am Ende hat ausgerechnet Onlinejournalismus geklappt.

Tyra: Fast hätte ich den Platz trotzdem noch verloren, weil ich die Rückmeldefrist komplett übersehen hatte. Als ich das bemerkt habe, dachte ich wirklich, das war’s jetzt. Zum Glück durfte ich die Unterlagen noch nachreichen.

Alisha: Das weiß ich noch. Du warst völlig fertig.

Tyra: Im Nachhinein kann ich darüber lachen. Damals war mir gar nicht bewusst, dass so ein kleiner Moment meinen ganzen weiteren Weg hätte verändern können.

Pendeln zwischen Mainz und Dieburg

Tyra: Was hat dich im Studium eigentlich am meisten geprägt?

Alisha: Ganz klar: das Pendeln. Wenn morgens um halb neun Vorlesung war, musste ich schon sehr früh los. Mit Bus, Bahn und dem Fußweg zur Hochschule war ich oft mehrere Stunden unterwegs, bevor die erste Veranstaltung überhaupt begann. Da sitzt du dann im Hörsaal und merkst: Du bist eigentlich schon seit drei Stunden wach.

Tyra: Dazu habe ich auch eine Geschichte. Im Februar gab es dieses Jahr einen „plötzlichen“ Wintereinbruch – ausgerechnet an einem Klausurtag. Ich komme aus der Klausur raus, es schneit wie verrückt, und für die knapp 50 Kilometer nach Hause habe ich am Ende sechs Stunden gebraucht.

Alisha: Sechs Stunden, das ist wirklich verrückt für die Strecke. Komplett pünktlich war die Bahn bei mir im ganzen Studium gefühlt vielleicht dreimal.

Tyra: Trotzdem war das Pendeln für mich immer noch die bessere Lösung, als direkt ausziehen zu müssen.

Alisha: Das sehe ich genauso. Klar kostet es Zeit, aber finanziell war es eine enorme Entlastung, zu Hause wohnen bleiben zu können.

Was vom Campus bleibt

Tyra: Was ist dir von deiner Studienzeit am meisten im Kopf geblieben?

Alisha: Eigentlich die kleinen Momente. Im Winter gab es im Zeitraumcafé Glühwein, und wenn es geregnet hat, wurden in manchen Hörsälen Eimer aufgestellt, weil es durchs Dach tropfte. Solche Dinge vergisst man irgendwie nicht.

Tyra: Bei uns gibt es zwar keine Eimer mehr in den Hörsälen, dafür stehen im F16 seit Monaten Schilder mit „Sorry, Baustelle“ an aufgerissenen Wänden. Ganz so viel verändert hat sich alsooffenbar nicht.

Alisha: Da bin ich bei der Jubiläumsfeier gespannt. Wir hatten damals außerdem noch „Campus TV“, eine eigene Internetsendung. Das war eines meiner Lieblingsprojekte.

Tyra: Das gibt es bei uns leider nicht mehr. Das stelle ich mir aber mega cool vor.

Alisha: Schade. Insgesamt hatte der Campus aber schon seinen eigenen Charme – Frühlingsfeste, Halloweenpartys im Zeitraumcafé und viele kleine Momente zwischen den Vorlesungen.

Tyra: Mein erster Studientag bestand dagegen vor allem aus Suchen. Ich kannte niemanden und irgendwann wurden die Onlinejournalismus-Studierenden einfach nach und nach zusammengeführt.

Alisha: Wahrscheinlich eine Erfahrung, die viele Erstsemestergenerationen machen. Der Studiengang ist ja oft nicht der größte.

Tyra: Wenn du heute auf dein Studium zurückblickst: Gibt es etwas, das du deinem jüngeren Ich oder jemandem, der jetzt im ersten Semester startet, mitgeben würdest?

Alisha: Ich glaube, vor allem sollte man sich bewusst machen, dass vieles nicht von alleine passiert. Der Studiengang bietet viele Möglichkeiten, aber man muss sie auch nutzen. Praktika, Projekte und Kontakte sind unglaublich wichtig, weil man dadurch herausfindet, was einem wirklich Spaß macht und wo man später hinmöchte.

Tyra: Das merke ich jetzt auch immer mehr. Gerade wenn es um Praktika und den Berufseinstieg geht, merkt man, dass man früh anfangen sollte, Erfahrungen zu sammeln.

Alisha: Genau. Und gleichzeitig sollte man sich auch nicht zu viel Druck machen. Im Studium probiert man vieles aus und merkt manchmal erst dabei, was zu einem passt und was eben nicht.

Tyra: Vielleicht ist das auch etwas, was unseren beiden Studienzeiten verbindet. Obwohl fünf Jahre zwischen uns liegen, sind viele Herausforderungen erstaunlich ähnlich geblieben.

Alisha: Ja, und genau deshalb finde ich solche Jubiläen spannend. Man sieht, wie viele unterschiedliche Wege aus einem Studiengang entstehen können. Jeder nimmt etwas anderes mit und entwickelt sich in eine eigene Richtung.

Tyra: Dann bleibt eigentlich nur noch zu sagen: Willkommen zurück in Dieburg.

Alisha: Ich bin gespannt, wie viel sich verändert hat – und wie viel eben doch noch genauso ist wie früher.

Interview: Tyra Baum