Die Baustelle
Ein analoges Tool, das Lehrkräfte dabei unterstützt, Grundschulkindern Selbstwirksamkeitserfahrungen zu ermöglichen.
Ein Bachelorprojekt von Nadja Marie Jung
7. Semester, 2025/2026
Referent:innen: Prof. Tsunemitsu Tanaka und Prof. Andrea Krajewski
Wie können Lehrkräfte Grundschüler dabei unterstützen, ein positives Selbstbild zu entwickeln?
Die Antwort liegt nicht in zusätzlichen Förderprogrammen oder neuen Bewertungssystemen. Sie liegt in der Gestaltung von Interaktion.
Das Projekt "Die Baustelle" verbindet gestalterische Methoden mit theoretischen, entwicklungspsychologischen und pädagogischen Erkenntnissen und meiner eigenen Forschung innerhalb einer Grundschule. Das Projekt versteht Gestaltung nicht als Lösung einzelner Probleme, sondern als Mittel, um Beziehungen, Routinen und Handlungsräume im schulischen Alltag sichtbar und nutzbar zu machen.
Wie ist die Situation in der Grundschule?
Schule ist nicht nur ein Ort der Wissensvermittlung, sondern ein zentraler sozialer Raum, in dem Kinder lernen, sich selbst wahrzunehmen, einzuordnen und ihr eigenes Handeln zu bewerten. Besonders in der Grundschule werden früh Vorstellungen darüber geprägt, was Kinder können, wie sie „sind“ und wie sie sich im schulischen Kontext verhalten sollen. Diese Zuschreibungen wirken sich nicht nur auf das Lernverhalten, sondern auch auf das Selbstbild der Kinder aus.
Im schulischen Alltag zeigt sich jedoch häufig:
Grundschulkinder orientieren sich stark an äußeren Rückmeldungen, klaren Anweisungen und Bewertungen. Entscheidungen werden abgesichert, Eigeninitiative tritt zurück. Gleichzeitig stehen Lehrkräfte unter hohem organisatorischem und pädagogischem Druck. Individuelle Begleitung ist gewünscht – aber zeitlich begrenzt.
Was ist „Die Baustelle"?
„Die Baustelle“ ist ein analoges Medium, das Lehrkräfte dabei unterstützt, Kindern einen klaren, wertfreien Rahmen zu geben, in dem sie eigene Ziele wählen, ihr Handeln wahrnehmen und ihren Lernprozess reflektieren.
Im Zentrum steht nicht das Kind isoliert, sondern die Interaktion zwischen Lehrkraft und Schüler. Die Lehrkraft gibt den Rahmen vor – das Kind trifft Entscheidungen. Die Lehrkraft begleitet diesen Prozess, stellt bei Bedarf orientierende Fragen und unterstützt fachlich, ohne Ziele vorzugeben oder Reflexionen zu bewerten.
Das Tool ist bewusst so gestaltet, dass es in den individuellen Arbeitsbereich der Kinder integriert ist. Haptische Objekte und sichtbare Marker helfen Kindern, abstrakte Prozesse wie Zielsetzung und Reflexion konkret zu erfassen.
Welchen Mehrwert schafft dieses Projekt?
Für Kinder entsteht ein geschützter Rahmen, in dem sie selbstständig Entscheidungen treffen können, ohne bewertet oder verglichen zu werden. Sie lernen, eigene Fortschritte wahrzunehmen und erleben, dass Entwicklung ein Prozess ist, der Schwankungen einschließt. Dadurch wird nicht nur Selbstständigkeit gefördert, sondern langfristig auch ein positives Selbstbild gestärkt.
Für Lehrkräfte werden individuelle Entwicklungsprozesse sichtbar, ohne dass zusätzlicher Dokumentationsaufwand entsteht. Die strukturierte Interaktion erleichtert es, Orientierung zu geben und bei Bedarf gezielt zu unterstützen, ohne permanent steuernd eingreifen zu müssen. Gleichzeitig werden Kinder schrittweise unabhängiger von ständiger Rückmeldung und Entscheidungshilfe.
Welche Rolle spielen Selbstwirksamkeit und Selbstreguliertes Lernen?
Selbstwirksamkeit beschreibt das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, durch das eigene Handeln etwas bewirken zu können. Kinder, die Selbstwirksamkeit erleben, trauen sich eher, Entscheidungen zu treffen, bleiben bei Herausforderungen länger dran und gehen konstruktiver mit Schwierigkeiten um.
Selbstreguliertes Lernen knüpft genau hier an. Es bezeichnet Lernprozesse, bei denen Lernende Ziele setzen, ihr Handeln beobachten, anpassen und ihr Vorgehen reflektieren. Lernen wird dabei nicht als reine Reaktion auf Anweisungen verstanden, sondern als aktiver Prozess, den Kinder zunehmend selbst steuern.
„Die Baustelle" verbindet beide Aspekte im schulischen Alltag. Durch die Auswahl eines eigenen Ziels, das sichtbare Begleiten im Unterricht und die regelmäßige Reflexion erleben Kinder ihr Handeln als wirksam. Gleichzeitig üben sie zentrale Schritte selbstregulierten Lernens in einer Form, die ihrem Entwicklungsstand entspricht.
Wie läuft der Unterricht mit „Der Baustelle" ab?
0. Vorbereitung (einmalig): Die Lehrkraft liest die Anleitung, führt das System ein und verteilt die Baustellen an die Kinder.
1. Orientierung: Zu Beginn der Woche schafft die Lehrkraft einen kurzen, ruhigen Moment. Die Kinder richten ihre Aufmerksamkeit auf sich selbst und ihre Baustelle.
2. Ziel wählen: Jedes Kind wählt ein überfachliches Ziel für die Woche und platziert es sichtbar in seiner Baustelle. Die Entscheidung bleibt beim Kind. Die Lehrkraft unterstützt, wenn Bedarf besteht.
3. Handeln im Unterricht: Die Baustelle begleitet den Unterricht still. Das Ziel dient als Orientierungspunkt. Bei Bedarf nimmt die Lehrkraft neutral Bezug darauf.
4. Tägliche Reflexion: Am Ende des Tages wählen die Kinder eine passende Reflexion. Sie können diese im Verlauf der Woche anpassen.
5. Reflexion & Abschluss: Am Freitag erfolgt ein ruhiger Rückblick. Die Kinder beschreiben, wie sie ihr Ziel erlebt haben. Der Prozess wird wahrgenommen, nicht bewertet. Die Lehrkraft schafft den Raum dafür.