LIRO
LIRO ist ein Service, der durch Bücher als sichtbare Identitätssymbole stille Wiedererkennung ermöglicht.
3. Semester 2025
Ein Semesterprojekt von Erisa Behluli
Dozierende: Sebastian Haase, Tanja Hakl, Romina Marsico, Tsunemitsu Tanaka, Tomas Zebis
Wiedererkennung in Bewegung
Zwischenräume des Alltags
Ein großer Teil unseres Alltags findet nicht an festen Orten statt, sondern dazwischen. Zwischen Zuhause und Hochschule, zwischen Ankommen und Weitergehen, zwischen Alleinsein und Ko-Präsenz. Gerade im Bahnkontext bewegen sich Menschen räumlich nah beieinander, bleiben jedoch sozial oft voneinander getrennt.
Öffentliche Räume sind geprägt von paralleler Anwesenheit, reduzierter Aufmerksamkeit und dem Bedürfnis nach einem eigenen inneren Rückzugsraum. Diese Situationen sind weder klar sozial noch vollständig privat. Sie ermöglichen Wahrnehmung, ohne Interaktion zu verlangen.
Viele dieser Momente bleiben flüchtig und werden kaum bewusst reflektiert. Dennoch prägen sie unser Erleben von Öffentlichkeit und Zugehörigkeit.
Bücher als sichtbare Identitätssymbole
Im Unterwegssein treten immer wieder sichtbare Zeichen auf, die Hinweise auf Interessen und Haltungen geben. Bücher nehmen dabei eine besondere Rolle ein. Sie sind im öffentlichen Raum sichtbar und zugleich Ausdruck persönlicher Themen, Denkweisen und innerer Beschäftigungen. Wer liest, befindet sich in einer eigenen Welt und ist dennoch physisch präsent.
Das Buch wird so zu einem stillen Identitätssymbol. Es kann Wiedererkennung ermöglichen, ohne dass ein Gespräch entsteht. Bedeutung entsteht durch Wahrnehmung und Interpretation, nicht durch Handlung. Gerade diese Zurückhaltung macht Bücher im mobilen Alltag zu einem geeigneten Ausgangspunkt für eine gestalterische Auseinandersetzung.
Das Konzept
Das Projekt nutzt das Buch als Ausgangspunkt für einen stillen Service im öffentlichen Raum. Kern ist ein digitales Lesezeichen, das sich in bestehende Lesegewohnheiten einfügt. Es verfügt über einen aufladbaren Akku, Bluetooth Low Energy und eine kleine Lichtanzeige mit zwei Zuständen. Die Anzeige signalisiert, ob eine Person offen für Wiedererkennung ist oder bewusst in ihrer eigenen Leseerfahrung bleiben möchte.
Ergänzt wird das Objekt durch eine reduzierte, browserbasierte Web-App. Dort kann der Sichtbarkeitsstatus aktiviert oder deaktiviert werden. Ist der Status aktiv, werden in unmittelbarer Nähe gelesene Bücher sichtbar, jedoch ohne personenbezogene Daten oder Profile. Sichtbar sind ausschließlich kontextuelle Informationen wie Titel, Autor oder Genre.
Begegnende Bücher können gespeichert und in einer persönlichen Sammlung verwaltet werden. Diese Sammlung kann Bücher umfassen, die man gelesen hat oder noch lesen möchte. Neue Titel lassen sich über die ISBN hinzufügen und beispielsweise als „Currently Reading“ markieren. So entsteht ein ruhiges Leseökosystem, das physisches Objekt und digitale Ebene miteinander verbindet.
Gestaltungsprinzip
Im Zentrum steht das Prinzip der Wiedererkennung ohne Verpflichtung. Das Projekt gestaltet keinen Dialog und fordert keine Interaktion ein. Es schafft vielmehr einen Anlass, in dem Wahrnehmung möglich wird, ohne eine Reaktion zu erwarten. Die Entscheidung bleibt jederzeit bei den Beteiligten.
Diese Form der Mikro-Interaktion ist freiwillig, situationsabhängig und abbrechbar. Sie respektiert Privatheit und Autonomie im öffentlichen Raum. Gestaltung wird hier nicht als Auslösung von Handlung verstanden, sondern als Ermöglichung eines kurzen, stillen Moments des sich Wiedererkennens.
Interaktionsszenario
Das folgende Video zeigt eine prototypische Simulation der Nutzung von LIRO im mobilen Kontext. Der Statuswechsel und die Sichtbarkeit von Büchern werden im realen Anwendungsszenario demonstriert.
LIRO in Nutzung 👇