Memora
Memora ist ein sensorisches Gedächtnisobjekt, das gemeinsam erlebte Momente zwischen Vor- und Nachfahren speichert und nach dem Tod des Vorfahren als Atmosphäre erfahrbar macht.
Ein Studienprojekt von Joline Krones
4. Semester, 2026
Referent*innen: Tanja Hakl, Romina Marsico und Prof. Tsunemitsu Tanaka
Worum geht es?
Wie erinnern wir uns an Menschen, die wir verloren haben? Embodied Interaction geht davon aus, dass Erinnerung nicht nur aus abrufbaren Informationen besteht. Sie ist körperlich, sinnlich und häufig an konkrete Situationen gebunden: an ein bestimmtes Licht, ein Geräusch, ein Gefühl.
Memora überträgt diesen Gedanken auf enge generationenübergreifende Beziehungen. Das können beispielsweise Großeltern und Enkelkinder, Eltern und erwachsene Kinder oder andere nahestehende Personen unterschiedlicher Generationen sein.
Die Begriffe Vorfahr und Nachfahr beschreiben innerhalb des Projektes vor allem die zeitlichen Rollen: Eine Person hinterlässt den Anhänger später als persönliches Erbstück, während die andere ihn übernimmt. Eine biologische Verwandtschaft ist dafür nicht zwingend notwendig.
Das Bedürfnis
Hinter Memora steht der Wunsch, eine bestehende Verbindung auch über den Tod hinaus spürbar zu halten. Es geht nicht darum, eine verstorbene Person zu ersetzen oder möglichst viele Informationen über sie zu archivieren. Stattdessen kann die Atmosphäre gemeinsam erlebter Erinnerungen körperlich nachempfunden werden, um sich weiterhin mit einer Person verbunden zu fühlen, die nicht mehr da ist.
Dabei gibt Memora keine Erinnerung vor und behauptet nicht, das ursprüngliche Gefühl unverändert wiederherzustellen. Erinnerungen verändern sich mit der Zeit und werden von jeder Person individuell rekonstruiert. Das System stellt deshalb lediglich atmosphärische Reize bereit, die eine persönliche Erinnerung anregen können.
Die Idee
Vorfahr und Nachfahr tragen jeweils einen Anhänger. Empfindet eine Person eine gemeinsam erlebte Situation als bedeutsam, berührt sie ihren Anhänger für mindestens drei Sekunden. Erst durch diese bewusste Handlung wird eine kurze Erfassung der aktuellen Kontextmerkmale ausgelöst. Eine kurze, leichte Vibration bestätigt, dass der eigene Anhänger die Erfassung durchgeführt hat.
Das System prüft anschließend, ob auch die zweite Person innerhalb des festgelegten Zeitraums und in dem übereinstimmenden räumlichen und atmosphärischen Kontext ihren Anhänger berührt hat. Nur wenn beide Signale ausreichend übereinstimmen, entsteht ein gemeinsames Atmosphärenprofil.
Nach dem Tod einer Person bleibt ihr Anhänger als Erbstück zurück. Werden später beide Anhänger gemeinsam auf die Station gelegt, werden Profile, deren Kontextdaten übereinstimmen, in Licht und Klang sinnlich übersetzt.
Ein Beispiel: Großmutter und Enkelin sitzen an einem Sommerabend gemeinsam im Park. Beim gemeinsamen Plaudern berührt die Enkelin den Anhänger, den sie an ihrer Handtasche trägt. Ihre Großmutter bemerkt dies nicht, aber entscheidet sich unabhängig davon, ein paar Minuten später ebenfalls dazu, den Anhänger zu berühren, den sie um ihren Hals trägt.
Die Großmutter vererbt ihrer Enkelin das Schmuckstück. Diese legt beide Anhänger zusammen auf die dafür vorgesehene Station und der Raum um sie herum füllt sich mit warmem, orangefarbenem Licht, gedämpftem Vogelgezwitscher und dem Hintergrundplätschern des Brunnens im Park. Sie kann die gespeicherte Erinnerung nachfühlen, ohne dass ihr etwas erzählt oder gezeigt wird, und fühlt sich ihrer verstorbenen Großmutter nahe.
Wie es tatsächlich funktioniert
Im Hintergrund erfasst das System bei jeder Berührung Ort, Uhrzeit, Wetter und Umgebungsklang als Kontextdaten. Ein gemeinsames Profil entsteht nur, wenn beide Anhänger innerhalb eines definierten Zeitfensters aktiviert werden. Zusätzlich müssen die erfassten Kontextmerkmale ausreichend ähnlich sein. Die Geräte müssen sich etwa im selben räumlichen Bereich befinden und vergleichbare Werte für Tageszeit, Wetter, Bewegung und Geräuschumgebung erfassen. Die Zuordnung basiert daher nicht auf einem einzelnen Wert, sondern auf der Kombination mehrerer Merkmale.
Werden die beiden Anhänger später zusammengeführt, ruft das System dieses Profil ab und übersetzt es in sensorische Signale: gespeicherte Umgebungsgeräusche und eine passende Lichtstimmung, die sich langsam einstellt.
Nicht die Information über den Moment kehrt zurück, sondern das Gefühl.
Die Lichtstimmung wird vor allem aus Tageszeit, Jahreszeit, Wetter und den damaligen Lichtverhältnissen abgeleitet.
Beispielsweise können folgende Zusammenhänge genutzt werden:
- später Sommerabend = warmes, langsam dunkler werdendes Orange
- bewölkter Nachmittag = kühleres, diffuses Licht
- sonniger Morgen = helles, leicht gelbliches Licht
Für die Klangwiedergabe nutzt das System keine aufgezeichneten Gespräche. Aus den gespeicherten Geräuschklassen wird eine abstrahierte Klangkomposition erzeugt. Wurden beispielsweise Wasser, Vogelstimmen und eine ruhige Umgebung erkannt, entsteht daraus eine entsprechende, aber nicht identische Klangkulisse.
Der Service besteht also aus …
- zwei gekoppelten Anhängern als vertraute Alltagsobjekte statt sichtbarer Technik
- einer bewusst ausgelösten Erfassung von Kontextmerkmalen (Ort, Datum, Uhrzeit, Wetter und Umgebungsklang)
- einem Abgleich von Zeit, räumlicher Nähe und atmosphärischen Bedingungen
- einem gemeinsamen Profil, das nur bei unabhängiger Aktivierung beider Personen entsteht
- einer Analyse und Abstrahierung der Geräuschskulisse, statt der Speicherung von Gesprächen
- einer verschlüsselten und kontrollierbaren Speicherung
- einer sensorischen Übersetzung der Kontextdaten in Klang und Licht
- einem zeitversetzten Wirkungsprinzip, das den gemeinsamen Erinnerungsraum auch über den Tod hinaus zugänglich hält.
Die Kernaussage ist somit:
Verbindung endet nicht mit dem Tod,
wenn Erinnerungen
weitererlebt werden.
Der Prototyp
Um dieses Prinzip erfahrbar zu machen, habe ich einen Prototyp zur Simulation gebaut – bestehend aus zwei 3D-gedruckten Anhängern mit Touchsensor und Vibrationsmotor sowie einer Holzstation mit Arduino Uno R4, LED-Leiste und einem DFPlayer-Audiomodul.
Bei Berührung vibriert der Anhänger leicht, um die Momentspeicherung zu symbolisieren. Legt man beide Anhänger auf die dafür vorgesehenen Mulden, startet die Station ein Licht- und Klangprofil.
Da eine reale Datenerfassung im Prototyp nicht möglich war, arbeitet die Station mit vier fest hinterlegten Beispielprofilen, zwischen denen man durch angebrachte Knöpfe wechseln kann. So lässt sich das spätere Grundprinzip sinnlich nachvollziehen, auch ohne dass im Hintergrund echte Sensordaten verarbeitet werden.