tabagotchi
Tabagotchi ist eine mobile Web-App, die Rauchende in öffentlichen Grünräumen spielerisch für ihre Umwelt sensibilisiert.
Ein Studienprojekt von Jovan-Yener Milanovic, Norina Neidlinger und Kiana Pirouz
2. Semester, 2026
Referenten: Prof. Sebastian Haase, Prof. Andrea Krajewski, Dieter Stasch, Tomas Zebis
Sprache
In diesem Artikel verwenden wir überwiegend genderneutrale Formulierungen wie Nutzende, Teilnehmende oder Befragte.
Ausgangssituation
Jährlich werden in Deutschland rund 106 Milliarden Zigaretten geraucht, wovon Schätzungen zufolge bis zu zwei Drittel achtlos auf dem Boden landen. Diese Stummel verrotten dabei nicht einfach, da ihre Filter aus schwer abbaubarem Kunststoff und giftigen Rückständen bestehen, die bei Regen als Chemiecocktail in Böden, Gewässer und die Vegetation gelangen. Zusätzlich verursacht die Beseitigung dieses Mülls den Städten und Gemeinden jährliche Kosten von rund 225 Millionen Euro.
Die Idee
Bereits früh im Prozess stand für uns fest, dass im Zentrum unserer Anwendung eine digitale Tabakpflanze stehen sollte, die mit der Nutzung der App wächst. Offen blieb zunächst, wie genau die Nutzenden eingebunden werden und welchen persönlichen Mehrwert sie durch diese Interaktion erhalten.
Zielgruppe
Unsere Zielgruppe wurde durch Interviews mit fünf rauchenden Personen ermittelt und eingegrenzt. Aus deren Verhaltensweisen und Aussagen entstanden zwei Archetypen. Unser Konzept richtet sich dabei gezielt an die pragmatischen Gewohnheitsrauchenden. Bei ihnen ist Rauchen fest als Ritual, Zeitvertreib oder Belohnung im Alltag verankert. Die Interviews zeigten außerdem, dass diese Gruppe die ökologischen Folgen im Moment des Konsums oft ausblendet, es fehlt die Verbindung zwischen dem persönlichen Rauchmoment und dem Naturzusammenhang. Genau an dieser Lücke setzt unsere Anwendung an.
Aus den Interviews ging hervor, dass Rauchende nicht belehrt, beschämt oder mit abschreckenden Bildern unter Druck gesetzt werden wollen. Stattdessen setzen wir auf positive Verstärkung. Durch das sichtbare Wachstum und die Pflege eines digitalen Haustiers soll spielerisch eine emotionale Bindung und Verantwortung entstehen, ganz ohne moralischen Druck.
Nutzungsablauf
Nutzende scannen einen QR-Code, etwa an Mülleimern oder in Parks platziert, und gelangen so auf die mobile Web-App. Dort fotografieren sie gefundene oder eigene Zigarettenstummel, markieren diese in einem simulierten Kamerabild und bestätigen die korrekte Entsorgung im Mülleimer. Als Belohnung erhält die digitale Tabakpflanze Wachstumspunkte, erreicht neue Level und entwickelt sich sichtbar weiter. Damit Nutzende langfristig zur App zurückkehren, setzen wir zusätzlich auf das Tamagotchi-Prinzip und Push-Benachrichtigungen. Erhält der Nutzer beispielsweise die Nachricht, dass sein Tabagotchi hungrig ist oder kurz vor einem Level-Up steht, motiviert ihn das, beim nächsten Rauchmoment erneut die App zu öffnen und eine Aktion durchzuführen.
Konzept vs. Prototyp
Diese Diskrepanz erklären wir in unserer Dokumentation bewusst offen. Unser realisierter Prototyp ist eine reine Frontend-Web-App aus HTML, CSS und JavaScript, ganz ohne echtes Backend und ohne dauerhafte Datenspeicherung, der Fortschritt besteht nur für die aktuelle Sitzung. Ebenso gibt es keinen echten Kamerazugriff, dieser wird durch ein interaktives Wimmelbild-Spiel simuliert. Die Idee, dass die Stadt durch die App reale, anonymisierte Daten erhält, ist unsere Zukunftsvision für ein tatsächliches Endprodukt, während der jetzige Prototyp in erster Linie die UX, die Interaktionslogik und das Service-Versprechen erlebbar machen soll.
Die Lösung
Unsere Lösung heißt „Tabagotchi“ und ist eine mobile Web-App, die erwachsene Rauchende in öffentlichen Grünanlagen auf spielerische Weise zu umweltbewussterem Verhalten anregt, ohne dabei mit erhobenem Zeigefinger zu belehren.
Genutzt wird die App direkt im Park: Über einen QR-Code, etwa an Parkeingängen oder Mülleimern platziert, gelangen Nutzende auf die mobile Web-App. Im Zentrum steht die Pflege einer digitalen Tabakpflanze, zu der eine einfache, emotionale Beziehung entstehen soll, ähnlich wie beim klassischen Tamagotchi. Sie wächst sichtbar mit der Nutzung, vom Samen bis zur blühenden Pflanze, und sammelt dabei Wachstumspunkte, die sie im Level aufsteigen lassen. Genau wie beim Tamagotchi entsteht so eine emotionale Bindung zum digitalen Wesen, die Nutzende motiviert, ohne dass Druck oder Belehrung nötig sind.
Der oft achtlos weggeworfene Zigarettenstummel wird dabei zum Auslöser einer bewussten Handlung. Nutzende können gefundene Stummel fotografieren, im Bild markieren und im Mülleimer entsorgen. Zusätzlich lassen sich an verschiedenen Stationen im Park Mini-Challenges wie Quizze lösen. Für diese Handlungen werden Wachstumspunkte gesammelt, wodurch die digitale Pflanze wächst, im Level aufsteigt und schließlich blüht.
Gleichzeitig entsteht ein Mehrwert für die Stadt, denn die dokumentierten Stummel liefern anonymisierte Daten zu Verschmutzungsschwerpunkten, sodass gezielt gereinigt oder Aufräum-Aktionen geplant werden können. Zentral für das Konzept ist dabei der Verzicht auf moralischen Druck oder Beschämung. Motiviert wird ausschließlich durch positives Feedback, kleine Erfolgserlebnisse und die sichtbare Entwicklung der eigenen Pflanze.
Die Umsetzung
Realisiert haben wir unsere Anwendung als reine Frontend-Web-App mit HTML, CSS und Vanilla JavaScript, ganz ohne zusätzliches Framework oder Backend. Vor der Programmierung entstanden in Figma erste Wireframes, um die visuelle Richtung festzulegen. Die Codebasis wurde über GitLab versioniert und via GitLab CI/CD auf GitLab Pages veröffentlicht.
Alle Screens liegen gleichzeitig im DOM und werden per CSS weich ein- und ausgeblendet. Ein zentrales State-Objekt verwaltet dabei Level, Wachstum und XP.
Da es sich um einen Prototyp handelt, haben wir manche Funktionen bewusst simuliert. Statt echtem Kamerazugriff gibt es ein Wimmelbild-Minispiel zum Auffinden der Zigarettenstummel, und statt dauerhafter Speicherung besteht der Fortschritt nur für die aktuelle Sitzung.
Animationen laufen über CSS, ergänzt durch ein kleines Sound-System, außerdem haben wir auf grundlegende Maßnahmen zur Barrierefreiheit wie Tastaturbedienbarkeit geachtet.