Verbum
Eine interaktive Wortinstallation, die Kontakt und Diskurs zwischen Fremden fördert.
Ein Studienprojekt von: Joyvita Benjamin
6. Semester, 2026
Dozierende: Ben Faust, Romina Marsico, Sebastian Haase, Tanja Hakl, Prof. Tsunemitsu Tanaka
Themeneinführung
Es gab Orte, an denen Ideen entstanden, wie zum Beispiel die Agora im antiken Athen, das Londoner Kaffeehaus des 18. Jahrhunderts oder das Café Procope in Paris. Diese Räume waren Dritte Orte, an denen Menschen ohne festen Anlass miteinander ins Gespräch kommen konnten, auch als Fremde. Heute stehen wir in Bars näher beieinander als fast irgendwo sonst im öffentlichen Leben, und trotzdem bleibt die soziale Distanz maximal. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil der Anlass fehlt. Ein Interview mit dem Inhaber eines Irish Pubs bestätigte, was der Soziologe Ray Oldenburg theoretisch beschreibt: Die soziale Mitte, in der zufällige Begegnungen zwischen Fremden entstanden, hat sich gewandelt.
Die Idee
Verbum ist eine Ambient-Intelligence-Installation, die spontane Begegnungen durch ein kollektives Sprachspiel ermöglicht. Wörter erscheinen auf der Wand einer Bar und treiben langsam. Sie gehören niemandem. Wer ein Wort bewegt und es mit dem Wort eines Fremden zusammenschiebt, erzeugt ein neues. Aus zwei Wörtern wird ein drittes, das keiner allein gedacht hätte. Genau in diesem Moment, wenn beide auf das neue Wort schauen und sich fragen, was es bedeutet, beginnt das Gespräch.
Die Lösung
Verbum erzwingt nichts. Es senkt lediglich die soziale Hemmschwelle, weil die Interaktion unverbindlich beginnt. Die Nutzerinnen und Nutzer bewegen zunächst Wörter und sprechen nicht unmittelbar eine fremde Person an.
Die zentrale Regel bildet den Kern des Systems: Eine Kombination entsteht nur, wenn mindestens zwei verschiedene Personen beteiligt sind. Eine Person allein kann keine Kombination auslösen, auch nicht mit beiden Händen. Kooperation wird nicht erklärt, sondern ist die einzige Möglichkeit zur Interaktion. Das Multi-Personen-Pose-Tracking stellt diese Regel technisch sicher.
Die KI generiert aus zwei bis zehn gleichzeitig ausgewählten Wörtern ein neues Wort. Dabei sucht sie keinen gemeinsamen Oberbegriff, sondern einen konkreten Begriff, der die Bedeutung der Eingaben möglichst präzise verbindet. So werden beispielsweise „Voice" und „Stone" zu „Echo" oder aus „Regret" und „Coffee" das Wort „Hangover".
Der Wortpool ist zu jeder Zeit ⅓ Deutsch. Nachdem bestehende Wörter kombiniert wurden, erscheinen neue Wörter auf der Wand, um die Zahl immer bei 80 zu halten.
Jedes neu erzeugte Wort wird dem Wortpool hinzugefügt, erscheint jedoch nur einmal. Mit jeder neuen Kombination wächst der Wortschatz und damit auch die Vielfalt möglicher Verknüpfungen.
Was danach geschieht, liegt nicht mehr in der Hand der Installation. Der Austausch über die Bedeutung eines Wortes, unterschiedliche Interpretationen oder eine daraus entstehende Diskussion sind keine Ergebnisse des Systems, sondern der Menschen, die sich zufällig vor der Installation begegnen.
Das Testing
Die erste Live-Projektion mit einem Beamer auf eine Wand bei einer Auflösung von 1280 × 720 Pixeln zeigte, dass sich die räumliche Wirkung der Installation am Bildschirm nicht realistisch beurteilen lässt. Achtzig Wörter, die auf dem Laptop ausgewogen erschienen, erwiesen sich auf der projizierten Wandfläche als zu dicht und wurden deshalb auf vierzig reduziert. Als nächster Schritt ist ein Live-Test mit zwei Personen unter realen Lichtbedingungen vorgesehen. Ergänzend wird eine externe Kamera an der Wand montiert, um ein deckungsgleiches Tracking zu gewährleisten.
Die Umsetzung
Verbum läuft als browserbasierte Installation. Das Hand-Tracking mit MediaPipe Hands erkennt zurzeit bis zu vier Hände gleichzeitig, auch wenn die KI bis zu 10 Wörter gleichzeitig kombinieren kann. Ein paralleles Pose-Modul auf Basis von MediaPipe Tasks ordnet jede Hand einer Person zu und stellt so technisch sicher, dass eine Wortkombination nur durch die Beteiligung von mindestens zwei Personen entstehen kann. Die Wortkombinationen werden über die Claude API generiert. Der zugrunde liegende System-Prompt enthält vierzig Beispiele zur Kalibrierung der gewünschten Assoziationslogik, die aus einer strukturierten Analyse meiner eigenen Wortassoziationen entwickelt wurden.
Gestalterisch folgt Verbum einem Prinzip der Reduktion. Verwendet wird ausschließlich die Schrift Cinzel Regular, deren Gestaltung von römischen und griechischen Steininschriften inspiriert ist. Die Projektion beschränkt sich auf einen warmen Cremeton vor dunklem Hintergrund. Die Wörter treiben langsam über die Wand, prallen an den Rändern ab und verschwinden nicht. Sichtbare Bedienelemente, Menüs oder akustische Signale gibt es nicht.
Fazit
Verbum begann mit einer Frage, die keine Designfrage war: Warum reden Fremde nicht miteinander, obwohl sie nebeneinander stehen? Die Antwort lag nicht in Technologie, sondern in einer alten Erkenntnis. Menschen brauchen keinen Zwang, sondern einen gemeinsamen Gegenstand, der allen gehört und keinen ausschließt.
Das Projekt verdeutlicht, dass ein überzeugendes Konzept nicht durch das Hinzufügen, sondern durch das bewusste Weglassen entsteht. Verbum ist weder Produkt noch Spiel, sondern ein Raum, in dem ein Wort zum Ausgangspunkt einer Begegnung werden kann. Die Installation schafft lediglich den Anlass, das Gespräch entsteht zwischen den Menschen.
"In language, as in space, we meet strangers."