Philosoph Phillip Hübl referiert über das "Moralspektakel"
Der Philosoph und Bestsellerautor Philipp Hübl analysierte in Darmstadt das sogenannte „Moralspektakel“ – das Auseinanderklaffen von moralischem Fortschritt und pessimistischer Wahrnehmung. Mit seinen Thesen über moralische Empörung als soziales Statusspiel löste er eine kontroverse, aber sachliche Diskussion aus.
Einiges Aufsehen erregte im November der Vortrag des Philosophen Philipp Hübl, der das Moralspektakel analysiert und in einem gleichnamigen Band, einem Spiegel Bestseller, 2024 veröffentlicht hat. In Darmstadt steigt der Referent geschickt ein, nämlich bei dem, was sich in Deutschland alles verbessert hat – und so handfest der allgemeinen Wahrnehmung zu widersprechen scheint. So seien die Diskriminierung von Frauen, Nicht-Deutschen und Muslimen am Arbeitsmarkt kaum mehr nachweisbar.
Solche und ähnliche Passagen sind im Publikum nicht unumstritten und lassen sich vor allem dadurch erklären, dass Hübl mit einem long scope misst: Er schaut über hunderte Jahre, nicht die letzten 10 oder 20. Den eher tagesaktuellen Eindruck vieler Menschen nennt Phillip Hübl das "Moralparadox": die Menschen glaubten trotz dieses Fortschritts, dass sich die Weltlage verschlechtert habe und das Menschen heute weniger moralisch seien als früher. Ein Fehlschluss, den er auf selektiven Medienkonsum, negative Verzerrungen der öffentlichen Meinung, steigende Ansprüche (grade in westlichen Gesellschaften) und erweiterte Begriffe zurückführt.
Grade der letzte Punkt sorgte dann bei den rund 70 Besucher/innen im Darmstädter Hochhaus dann auch für Diskussionen, denn Hübl spricht vom "Concept Creep", als dem Sich-Ausdehnen wissenschaftlicher Konzepte und Begriffe, die von immer mehr Menschen auf sich selbst angewendet oder auf andere übertragen würden. Solche Begriffe sind für ihn "Trauma", "Depression", "Sucht", "Gewalt", "Aggression", "Sexismus", "Rassismus" u.a..
Hübls Argument ist hier nicht, dass diese Phänomene nicht existierten (und auch nicht, dass auch nur einzelne Gewaltakte nicht zu ächten und zu unterbinden oder zu verharmlosen seien), sondern dass sie in der öffentlichen Debatte teils gegenläufigen Stellenwert zu ihrer statistischen Bedeutung einnähmen.
Und auf diesen Befund fragt Hübl, woran das liegt, wenn es eben nicht an der empirischen Nachweisbarkeit liege - und gibt sich selbst die Antwort. Es liegt für ihn daran, dass in - wie er es nennt - Gerechtigkeitsdiskursen Moral eine Art Inszenierungselement innerhalb eines Statusspiels darstelle. Bestimmte Begriffe und Konzepte, würden, so Hübl, genutzt, um Gruppenzugehörigkeit zu markieren, Prestige zu erwerben, seien "Waffen" im Konkurrenzkampf gegenüber anderen Diskursteilnehmern.
Hier verortet er zum Beispiel auch die Bemühungen um inklusive Sprache, die er als "exklusive" (also exkludierende) Sprache deklariert, weil sie mehr Abwehr als Inklusion erzeuge und sehr viele (v.a. Nichtakademiker:innen) ausschließe. Diese und andere Thesen wurden heftig und emotional diskutiert.
Auch in der Ankündigungsphase hatten sich bereits mehrere Studierende und Dozierende gemeldet und sich gegen den Vortrag bzw. für eine Einbindung Hübls in ein Podium geworben. andere plädierten dafür, den Vortrag stattfinden zu lassen. Insgesamt hat Hübl mit seinen kontroversen Thesen eine intensive Diskussion ausgelöst. Es wurde um die Rolle von Daten und Fakten gestritten. Offen und respektvoll, so wie wir es uns an einer Hochschule sicher wünschen.